hi,

von goldmaedel

du wirst das hier wahrscheinlich nie lesen, aber das macht keinen unterschied, das ist nich schlimm, denn ich schreib dies hier für mich, nich für dich, sondern für die vorstellung, wie es wär, dir dies hier zu sagen. für die vorstellung, wie es wär, wenn ich es dir sagen könnte, wenn ich vor dir stehen würde und es laut und mit fester stimme sagen könnte. ich schließ die augen und stell mir vor, du hörst mir zu, aufmerksam, lauscht jedem wort und wartest am ende noch ein paar sekunden, ein paar sekunden bis meine worte verklungen sind, weil du sie wertschätzt und nicht sofort wieder ablegst, als wären sie etwas ekliges und furchtbares, das du aus deiner welt vertreiben müsstest, hinter meinen geschlossen augen hüllen sie dich ein wie einen mantel und du gehst mit ihnen, sie begleiten dich, lassen dich denken, fühlen, berühren dich, lassen dich weinen, schreien – sind dir ganz nah.

ganz nah – das wollte ich dir immer sein, auf irgendeine weise, nein nicht auf irgendeine, auf eine liebevolle und geborgene art und weise. ich habe mir immer zuneigung und befürwortung, ja stolz von dir gewünscht, habe jeden tag darauf gehofft, habe jeden tag gewartet, habe mir immer gesagt ‘morgen’ und dabei gedacht, wenn ich es immer und immer wieder sage, wird es irgendwann stimmen und in erfüllung gehen, irgendwann wird morgen besser sein und du würdest mir zum ersten mal in meinem leben sagen, dass du mich liebst.

das ist bis heute nicht geschehen, ich glaube du hast in meiner nähe noch nie die wörter ich, du und liebe in einem satz gebracht.

ich bin jetzt 17 jahre alt, 17 jahre auf der welt, 17 jahre lang dir zumindest auf einer landkarte ganz nah, aber im kopf könnten wir nich weiter voneinander entfernt sein. weißt du, ich liebe dich und ich weiß auch, dass du mich liebst. ich weiß es einfach, ich muss es wissen, denn ohne dieses wissen könnte ich nicht leben, würde mein leben nicht funktionieren. wie sollte es, wenn ich 12 jahre lang in dem glauben gelebt habe, du liebst mich nicht, als du mir jeden tag gesagt hast, dass dein leben ohne mich besser wäre, dass ich dich 12 jahre lang so geliebt habe, dass ich mich selbst umgebracht habe, für und mit dem gedanken, dass du mich dann lieben wirst? dass du dann zum ersten mal in meinem leben stolz auf mich wärst, das habe ich gedacht, als ich mir die puladern zerschnitten habe. die narben trage ich bis heute auf meiner haut, ich sehe sie jeden tag und sie erinnern mich daran, dass ich etwas kann, was du niemals konntest – ich kann meine liebe zeigen, spüren, beweisen, ich ging für dich in den tod und noch weiter, aus liebe, aus nichts als liebe.

ich wollte damals nicht zurückkehren, ich war schon weit entfernt von dieser welt und ich war glücklich, ich bin mit einem lächeln auf den lippen gestorben, so schrecklich habe ich dich geliebt und mich nach deinem ansehen und deiner liebe gesehnt, doch sie haben mich zurückkehren lassen, haben mir wieder leben in den körper, in den kopf gespült, pures leben. vielleicht sind die narben auf meiner haut verheilt, aber die in mir nicht. du hast damals kein wort gesagt, wolltest nicht glauben, dass ich mich wegen dir umgebracht habe. ich habe noch nicht die zeit gefunden, zeit von der heißt, sie heile wunden, wie sollte ich auch? ich baue mir mauern aus papier und luft, du reißt sie ein, als wäre da nichts, du bist jemand, der mir so nah kommt wie sonst niemand, der mir weh tun kann, wie sonst niemand, der mich zerstört hat und nicht wieder aufgebaut hat.

ich gebe dir keine schuld, ich kann es nicht, weißt du, ich bin hier und liebe dich, ich liebe dich mit all deinen fehlern, mit der vergangenheit, mit der gegenwart und der zukunft, du bist meine mutter, du wirst es immer sein.

der grund für meine vorsichtig gewählten worte ist, dass meine kindheit bald vorbei ist, ja eigentlich schon längst vorbei ist – ich werde nie über meine kindheit sagen können, dass ich genug zuneigung und aufmerksamkeit bekommen habe, um ein glückliches kind zu sein, dass ich jemals vollständig glücklich war, bis in den letzen zipfel meines herzen, so wie es kinder nunmal sind, dass ich eine intakte familie hatte, eine familie, die mir kraft und mut gegeben hat

ich weine, während ich diese worte schreibe, ich hoffe, die tränen spülen alles fort, waschen meine wunden aus, tragen die erinnerungen fort, lassen alles leer zurück, denn jede leere ist besser, als die, die nun in mir herrscht, denn meine hoffnung ist fort, man hat mir meine hoffnung genommen

meine kindheit ist vorbei, meine sehnsucht auf liebe, stolz und zuneigung von dir, er wurde nie erfüllt, meine kindheit ist vorbei, ich werde nie in meiner kindheit eine liebevolle mutter gehabt haben, ich werde nie ein normales kind gewesen sein, ein kind mit vielen träumen, denn ich hatte immer nur einen:

du, du als liebevolle mutter, die mich liebt, mehr als alles andere auf dieser welt, die mich unterstützt, die mich über wasser hält, die will, dass ich glücklich bin, dass ich meinen eigenen weg finde, die mir das zuhause gibt, das jeder mensch braucht, egal wie alt

ich frage dich, mama – hast du dir das nie gewünscht?

hinter meinen geschlossenen augen ziehst du nun meinen wortmantel aus, streifst ihn ab, schaust mich verächtlich an, ich zucke zusammen, ich habe es erwartet und es kam doch ganz unerwartet und ich reiße die augen auf, atme tief ein, lasse die luft in meiner lunge brennen, es wie als sie mich zurückgeholt haben, ich war weit weg von dieser welt, dass licht ist zu stark, genau wie die realität, sie ist zu stark und ich bin zu schwach, ich kann sie nicht ertragen, ich will sie verdrängen, doch wie verdrängt man etwas, dass das eigene leben bestimmt?

in dieser realität muss ich lernen, meine wunden zu verschließen, sie wurden durch die hoffnung offen gehalten, dass du kommst und sie schließt, sanft, liebevoll, voll und ganz, keine narben wären geblieben

aber du kommst nicht mehr, nie mehr. es ist, als ob ich einen tacker nehme und das tue, was du mit dünnen fäden getan hättest. ich schließe meine wunden, ich gebe meinen traum auf, ich gebe alle meine träume auf, die nur von dir gehandelt haben.

aber weißt du was? da ist ein neuer traum, ein traum hinter all den tränen, die alte hoffnung neu verpackt – du und ich auf einer augenhöhe, du und ich als mutter und tochter, du, du sagst, du bist stolz auf mich, auf deine eigene tochter, die du liebst

und ich hoffe so sehr, vom ganzen herzen, mit jeder faser meinen körpers, dass dieser traum sich wie ein tuch um dich legt, dass du immer bei dir trägst. ein dünnes, fast durchsichtiges tuch, dass dich einhüllt, dein herz erwärmt, bis das eis schmilzt, bis deine mauern bröckeln, bis du erkennst, dass du mich liebst, dass du diese liebe zeigen musst, der ganzen welt, dass du stolz darauf sein kannst, mich zu lieben, dass diese liebe es verdient hätte, in die welt hinausgeschrien zu werden

aber das erwarte ich nicht, ich erwarte nichts, nichts von dir, denn ich liebe dich einfach, ich wünsch es mir nur sehr, ein kleines, geflüstertes ich liebe dich, ein mal schweben, ein mal vollständig glücklich sein, ein mal ewigkeit

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