eigentlich

von goldmaedel

Ich mein eigentlich habe ich ziemlich Glück. Die Depressionen kommen nur manchmal und immer seltener. Ich weiß es schon vorher, ich fühle es. Aber ich kann nichts dagegen tun. Sie schleicht sich in mein Leben, leise und eigentlich ganz sanft. Ich fühle sie erst nach und nach. Und irgendwann klammert sie sich ganz fest um mich, umhüllt mich, wie ein Mantel. Ich kann nicht sagen, ob sie bösartig ist. Vielleicht weil sie gerade hier ist. Ich kann auch ehrlich gesagt nicht sagen, wann sie wieder geht. Ich weiß, dass sie es tun wird. Aber ich habe mir noch nicht lange eingestanden, krank zu sein. Vielleicht 1 Jahr. Ich bezeichne es nicht gern als Krankheit, denn ein Teil von mir will es immer noch nicht wahr haben. Das ich krank bin. Das ich andauernd in ein tiefes Loch falle. Ein Teil von mir erklärt es immer damit, dass andere Menschen das schließlich auch tun, wenn es ihnen schlecht geht, wenn sie Streit und Stress haben. Aber andere Menschen sitzen nicht andauernd stundenlang heulend auf den Boden. Andere Menschen -dazu gehöre ich nicht. Und es ist nicht nur mein Kopf, den die Depression einwickelt, in Watte verpackt, von all dem Guten abschneidet. Auch mein Körper kann sich nicht entziehen. Er bringt genau das zum Ausdruck, was die Depressionen mit mir anrichten: Er hat keine Energie mehr. Er wehrt sich gegen alles, was eigentlich helfen könnte. Essen. Mein Körper kämpft immer und immer wieder. So wie ich. Ich kämpfe immer und immer wieder. Und letzendlich verliere ich alles dabei. Die Kunst, zu leben. Die Kunst, zu lachen. Die Kunst, einfach mal einen ganzen Tag lang glücklich zu sein. Nicht traurig zu gucken. Nicht über sich selber nachdenken zu müssen. Ich habe das Gefühl, ich verliere mich schleichend. Ich verlier mich in mir. Alles verschwimmt zwischen Traurigkeit und Glück. Es vermischt sich, fühlt sich nicht kaum mehr anders an. Ich habe gelernt zu schwimmen, aber scheinbar treibe ich einfach nur. In der Traurigkeit, in der Sehnsucht, in einer Wolke aus Verlust.

Jede Wolke zieht irgendwann vorbei. Aber sie hinterlässt Spuren. In meinem Kopf, meiner Seele, meinem Herzen, meinem Verstand. Selbst mein Körper ist gezeichnet. Ich trage viele Narben mit mir. Kleine, unscheinbare Narben, Stellen, an denen meine Haut etwas heller ist, einen Hauch von rosa hat. Ich könnte sie zählen. Nicht alle enstammen Hass, nicht alle enstammen meinem oder dem Hass meiner Mutter. Manche stammen auch vom hinfallen, so wie ein kleines Kind hinfällt. Sie sind eine Erinnerung daran, dass ich wieder aufgestanden bin. Meistens ohne Hilfe. Aber ich, ich werde nie wieder ganz aufstehen. Es gibt Narben, die reißen immer wieder auf. Ich werde nie abschließen können, nie die Narben meiner Vergangenheit anschauen können. All diese Narben sind nicht schwer. Nur wenn die Depression da ist, dann denke ich daran, wie jede einzelne von ihnen entstanden ist. Gewalt. Nur bei den Narben, die entstanden sind, weil ich Kind war, lächel ich. Sie sind eine Erinnerung an eine Zeit, in der ich die Kunst noch beherrschte. Die Kunst, Glück zu sammeln. Die Kunst, die Wolke der Traurigkeit einfach wegzupusten.

Irgendwann werde ich so leise gehen, wie meine Depression kommt und geht. Ich werde immer schmaler, unscheinbarer und durchsichtiger werden. Meine Narben werden immer heller werden. Ich werde gehen, irgendwann. Und dabei lächeln. Weil ich weiß, dass ich nicht aufgegeben habe. Dass ich kaputt gegangen bin. Und das ich trotzdem glücklich war. Lasst mich dann gehen, lasst mich laufen. Denn ich kann dann nicht mehr hinfallen, nein, nein, nein…

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