angst

von goldmaedel

Ich hab so wahnsinnig große Angst vor der Zukunft. Vor mir selber. Vor dir. Ich bin weggelaufen, ich wollte dich nicht mehr sehen, ich habe mich verkrochen. Und ich würde es am Liebsten wieder tun. Mich verkriechen. Es tut so weh, es tut einfach nur weh, dass du nie Zeit für mich hast. Das du oft sagst, dass ich dir nicht wichtig bin. Weißt du, ich liebe dich. Und ich hasse dich. Es tut so weh, dass du nie da bist, wenn ich dich brauche und wenn ich dich gebraucht habe. Das du mir noch nie gezeigt oder gesagt hast, dass du mich liebst. Das du auch Fehler machst. Das du ein Mensch mit Fehlern bist, ein Mensch, den man lieben kann. Ich will nur, dass du weißt, ich liebe dich immer noch. Du bist so kalt, so eiskalt mir gegenüber. Ich kann den Schmerz nicht beschreiben, der mich durchzuckt, wenn ich an dich denke. Und die Traurigkeit. Und die Sehnsucht. Ich mag nicht an eine Zukunft in deiner Nähe, aber auch nicht in großer Entfernung von dir denken. Ich war und bin immer noch klein und schwach. Ich habe mich nie gewehrt, ich bin immer weggelaufen.
Ich kann mich an einen Streit erinnern, der sich tief eingebrannt hat. Du hast mir an den Kopf geworfen, dass du meinen kleinen Bruder wegen mir abgetrieben hättest. Das ich allein schuld bin. Das ich dich behindere, wo ich nur kann. Wörter wie Missgeburt, Stück Scheiße etc. waren fast schon meine Spitznamen. Und was habe ich getan? Ich habe zurückgeschrien. Habe dir all den aufgestauten Hass ins Gesicht geschrien, ich habe nicht einmal gestoppt, ich habe so laut geschrien, wie ich nur konnte. Und dann? Dann warst du ruhig. Und was habe ich getan? Ich bin weggelaufen. So weit ich konnte. Und ich habe nicht verstanden, was ich da gerade getan habe. Ich habe mich augenblicklich selber für das Gesagte gehasst. Habe dich in Gedanken tausend, ja millionenfach um Verzeihung angefleht. Ich saß allein da, habe geweint, war seelisch so weit unten wie noch nie und ich war 11.
Ein halbes Jahr hast du dann noch gebracht, angefüllt mit Beleidigungen, Sticheleien und Schlägen. Oder auch deine Ignoranz, deine enttäuschten Blicke, wenn es ’nur‘ eine 2 in einer Klausur war -ich war am Ende. Ich wollte dir unbedingt beweisen, dass ich etwas wert bin. Das ich es verdient habe, deine Tochter zu sein. Ich habe es nicht geschafft. Und da du mir immer gesagt hast, dass dein Leben ohne mich ohnehin viel schöner und erfüllter wäre, wollte ich dir auch diesen Gefallen tun. In grenzenloser, unerfüllter Liebe. Ich wollte dich glücklich machen, Mama. Einzig und allein dich glücklich machen.

Ich habe mir nach einem weiteren Streit die Pulsadern durchgeschnitten und bin eingetaucht. In eine graue Welt, die immer mehr verschwommen ist. Ganz langsam. Und ich habe mich gesehnt, weil ich wusste, du würdest stolz auf mich sein. Einmal. Verstehst du? Ich dachte, du wärst einmal stolz auf mich. Ich wollte nicht, dass sie mich zurückholen. Ich habe mich gewehrt. Das Licht hat gebrannt, in meinen Augen, auf meiner Haut, in meinem Kopf. Ich habe keinen Kampf gegen den Tod gewonnen. Ich wollte keinen Kampf und ich wollte ihn schon gar nicht gewinnen. Ich wollte nur gehen. Leise.
Und jetzt sitze ich hier, 3 Jahre später. 3 Jahre Mama. Seit fast einem Jahr wohnen wir nicht mehr zusammen unter einem Dach. Du hast mir so oft gesagt, ich soll gehen. Und ich habe es auch getan, aber auf die richtige Art und Weise. Und nicht nur ich habe geweint. Du auch, Mama. Du liebst mich nämlich, ich glaub, du weißt es einfach nur nicht. Vielleicht war und ist es ein Schock für dich, mich zu vermissen. Einen Teil deines Lebens zu vermissen. Ich vermiss dich auch. Sehr sogar. Ich stell mir vor, dass zwischen uns ein riesen Meer liegt. Ich weiß im Moment wirklich nicht, ob ich mit einem Boot von dir weg oder zu dir hin treibe. Tue ich überhaupt irgendwas? Tust du etwas? Ich habe begriffen, dass ich dich nicht glücklich machen kann. Das musst du selber tun. Ich habe begriffen, dass ich nie eine wirklich liebevolle Mutter haben werde. Ich habe es begriffen. Ich erwarte es nicht mehr. Ich habe keine Erwartungen mehr an dich. Ich liebe dich einfach nur. Ich sitze hier, weinend und ich liebe dich. Und ich habe Angst, wenn ich doch mit dem Boot auf dich zu treiben sollte. Ich habe Angst, wieder vor dir weglaufen zu müssen. Aber ich bleib hier. Ich geh nicht weiter weg. Ich warte einfach hier, mit meinem Kummer, meinem Schmerz und meiner Sehnsucht. Ich warte auf dich. Ein Leben lang, Mama.

Von der ersten bis zur letzten Sekunde
deine Tochter, Mama, deine Tochter.

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