Lieber Tod,

von goldmaedel

ich weiß nicht, ob du dich erinnern kannst. Einst haben wir uns kennengelernt, doch sie haben mich zurückgerissen, bevor du meine Hand festhalten konntest. Sie haben mich zurückgeholt, ich habe die Augen aufgeschlagen und Licht gesehen. Lieber Tod, erinnerst du dich?

Ich weiß nicht, ob du dich erinnern kannst. 28.11.2009. Morgens um 3 Uhr. Du hast ihn mitgenommen, obwohl seine äußeren Blutungen längst gestillt waren. Er hat mit dir gerungen und du hast gewonnen. Ich weiß nicht, was er gefühlt hat. Ich war nicht da. Ich war nicht da, ich war nicht da, ich war nicht da -diese Wörter sind ein einziger Selbstvorwurf. Erinnerst du dich, Tod? Er war 18 und er hieß Hendrik.

Tod, am 02.11.2009 hast du mich wieder zerrissen, zerfetzt, zerstückelt. Erinnerst du dich? Es war ein Sonntag. Du hast sie leise fortgeführt, zurück blieb nur ihr noch atmender Körper. Und dann hast du auch diesem die Augen verschlossen. Sie schlief so friedlich, kein Laut war zu hören, ihr Atem ging so sanft, man hörte nicht, das er ausgesetzt hatte. Tod, erinnerst du dich an sie?

Und dann, am 16.08.2010 nahmst du mir mein Größtes. Wieso hast du nicht mich genommen? Wieso? Wieso? Wieso? Wieso? Tod, ich stehe hier. Ich atme, ich lebe. Hier. Diesmal würde ich mit dir gehen. Ganz.
Tod, erinnerst du dich? Julian hieß er. Heißt er. Kristallblaue Augen. 17 Jahre.

Tod, irgendwann werde auch ich mit dir gehen müssen. Ich habe dich schon berührt, ich weiß, dass es nicht wehtut. Aber ich werde erst dann gehen, wenn ich hier keine Aufgabe mehr zu erfüllen habe. Tod, ich hoffe, du verstehst mich. Es ist nicht so, dass ich dich hassen würde. Ich habe dich gehasst, ich hasse dich auch heute noch manchmal. Aber nur dafür, dass du nicht mich genommen hast.

Tod, sag mir, erinnerst du dich? Nein? Meine Erinnerung an jede Sekunde reicht für uns Beide, keine Angst.

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