Was wäre, wenn?

von goldmaedel

Wie wäre es jetzt?
Wie wärst du, ich, wir?

Fragen, vor denen ich jetzt weglaufe. Nein, weglaufen ist das falsche Wort. Weggehen.
Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Und ich bereue es nicht. Damals habe ich nur darüber nachgedacht. Ich meine, denken wir alle nicht einmal darüber nach? Was wäre, wenn? Wenn du, wenn ich? Wenn du liebevoller gewesen wärst. Wenn ich deine Tochter wäre, im Herzen, nicht nur auf dem Papier. Ich möchte nicht mehr darüber nachdenken, denn ändern kann ich es nicht mehr. Auch du nicht. Auch wenn ich vergesse, was ich zum Teil auch tue, wird da immer noch dieser Rest bleiben. Dich ansehen zu können und zu wissen, das du kein Problem damit hast, mich krankenhausreif zu schlagen. Du wirst dieses hier nie lesen, zumindest gehe ich nicht davon aus. Ich stell mir auch nicht die Frage, ob ich es wollen würde. Nein. Weggehen.

Ist das feige, was ich tue?
Nein. Ich denke nicht. Selbstschutz. Ich schütze mich vor der Erinnerung. Ich schütze mich und die, die mich lieben.
Wenn ich all das zulassen würde, dann wäre es vorbei. Weglaufen.

Das Schlimmste ist immer der erste Schlag. Ich, klein. Du, groß. Ich, schwach. Du, stark.
Du hast blind vor Wut zugeschlagen. Meistens so lange, bis ich bewusstlos war. Oder bis deine Wut verraucht war. Du hast danach nie ein Wort mit mir darüber geredet, hast meine Wunden ignoriert. Und ich habe nie ein Wort gesagt. Schweigen.
Und selbst heute, ja selbst heute, streitest du alles ab! ALLES! ich würde gerne von dir hören, dass du es getan hast. Ich weiß nicht, ob du mich wolltest. Ich weiß nicht, ob du ein Kind haben wolltest. Ich war klein und wehrlos. Du hast in mir ein Ventil für deine Wut, deine Verzweiflung gesehen. Du hast mich missbraucht, gedemütigt und kaputt gemacht. Woher hast du dieses Recht genommen? Hast du gedacht, ich bin dein eigen Fleisch und Blut und du kannst mit mir machen, was du willst? Und woher nimmst du das Recht, von mir zu erwarten, das ich deine Tochter spiele? Es soll jeder wissen, was du getan hast. Ich will keine perfekte Familie mehr spielen! Du bist meine Geschichte. Meine Kindheit. Mein Alles. Du hast mir 14 Jahre meines Lebens genommen. Die gibt mir niemand zurück. Und auch die Jahre, die ich brauchen werde um mit der Erinnerung fertig zu werden. Man kann die Erinnerung nicht wegsperren, nicht löschen. Unser Gehirn ist kein Computer, man kann nicht einfach auf Löschen klicken. Und ich hoffe, das dich bis an das Ende deines Lebens jeder meiner Blicke an deine Taten erinnert. An mein Geschrei, an mein Wimmern, an mein Flehen. Ich liebe dich, denn du liebst mich nicht. Ich würde dir gern verzeihen, doch das übersteigt meinen Willen. Werf mir das nicht vor. Dann werf ich dir deinen ekeligen Stolz vor, der es dir verbietet, zu deinen Fehlern zu stehen. Der es dir verbietet, dich zu entschuldigen.

Ich würde gerne zum ersten Mal in meinen Leben von dir umarmt werden. Darf ich mal vorbeikommen, wenn du mal Zeit hast?

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