09.10.2010

von goldmaedel

Sie ist eine Sammlerin. Sie sammelt Herzen. Kleine, große, gebrochene, vernarbte, hasserfüllte. Sie hatte schon so viele und sie ist immer noch süchtig nach mehr. Weil sie die Bewunderung in den Augen anderer braucht. Weil das alles ihr die Kraft gibt, sich gut zu fühlen.

Sie ist heute 22. Damals war sie 19. Sie war die Schönste in ihrem Abiturjahrgang. Sehr beliebt. Immer von vielen Leuten umgeben. Immer lachend, wenn man sie anschaute. Wenn man es tasächlich einmal schaffte, einen Blick auf sie zu werfen. Sie kam mir vor wie eine Königin, jemand, dem alles leicht fällt, jemand, der von allen bewundert wird, weil er einfach so ist, wie er ist. Der sich nicht auf Leute einstellen muss, um ihnen zu gefallen. Nein, die Leute stellten sich auf sie ein, um ihr zu gefallen.
Ich traf sie auf einer Feier. Wisst ihr, ich dachte, sie wäre stolz. Auf sich. Ich weiß es noch ganz genau, ich bin um kurz nach 2 gegangen. Ich ging durch die Eingangstür auf die Straße, in Richtung Stadtinnern, irgendwo dort hatte ich mein Auto geparkt. Sie stand am Straßenrand, telefonierte. Sie war allein, was mich nicht störte, aber wunderte. Ich blieb einfach stehen, keine 2 Meter von ihr. Sie sprach leise, schaute zu Boden und sah mich nicht. Oder wollte sie mich nicht sehen? Ich habe nie mit ihr darüber geredet. All die Zeit habe ich nie viel mit ihr geredet. Aber zurück zu diesem lauwarmen Samstagabend, an dem sich Sommer und Herbst über den Geschmack in der Luft uneinig waren. Sie legte auf, steckte ihr Handy in ihre kleine, schwarze Handtasche. Sie trug ein türkises Armband, zusammengesetzt aus kleinen Steinen. Endlich sah sie auf, sah mich an. Sie trug ein fantastisch aussehendes, enges, tiefschwarzes Cocktailkleid. Ihr Outfit machte sie erwachsen. Ihr Inneres an diesem Abend zu einem Kind. Sie sah mich an, ich atmete ruhig weiter, obwohl es in mir brannte. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und dann, während ihr Hand noch in der zuckersüßen, nach der nächtlichen Stadt riechenden Luft schwebten, sagte sie diese Worte: Du würdest mich also mitnehmen? Denkst du, das ich die Beine für dich breit mache? Sie sagte das nicht vorwurfsvoll. Als ob sie jeden fragen würde. Jeden Unbekannten, der ihr nachts gegenübersteht und dessen Namen sie nicht kennt. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich nicht ihre Hand ergriffen habe. Ich bin kein Mann, der für seine Frauengeschichten berühmt ist. Wenn ich eine Frau kennenlerne, die mich fasziniert, brauche ich lange, um mir einzugestehen, das ich zu oft an sie denke. Meistens dauert es zu lange. Ich sagte an diesem Abend wahrscheinlich die schrecklichsten Worte. Die schrecklichsten Worte, die ein Autor nie in einer Liebesgeschichte verwenden würde. Nicht, wenn sie romantisch schmecken soll.
‚Ich habe mein Auto in der Stadt geparkt.‘ Wie es klang? Lächerlich, unmännlich, unüberlegt verklang es in der Nacht. Ich wusste nicht, ob die Worte bei ihr angekommen waren. Anstatt etwas zu sagen, etwas, was ihr Kraft gab, etwas, was uns beiden Kraft gab, nein. Es war nur ein Satz. Und das Schlimmste daran, das ich die Forderung der Nacht nach etwas Besonderem nicht erfüllte, war, das ich sie nicht bewegte. Sie stand einfach nur da. Heute glaube ich, sie hat meine Lippen angesehen, während ich geredet habe und dennoch nicht gesehen, was ich gesagt habe. Ich glaube, ich habe mich in dem Augenblick verliebt, in dem sie den ersten Schritt auf mich zuging. Oder im nächsten, als sie sich bei mir einhakte und einfach losging, mich mitzog. Das hatte vor ihr noch niemand getan. Sie ging einfach los, ohne genau zu wissen, wohin. Spätestens da hatte sie auch mein Herz eingesammelt. Ob sie Nummern vergab? Einmal hatte ich mir gesagt, das ich nie jemand werden würde, der ihr nachläuft. Also blieb ich stehen. Sie ebenfalls, als sie bemerkte, das ich nicht nachgab, das ihre Muskeln gespannt blieben und das ich mich nicht bewegte. ‚Bin ich dir nicht schön genug? Liebst du mich etwa nicht?‘ Ich bin kein starker Mensch, kein starker Mann. Aber in dem Moment war ich stärker als sie, ja, zehntausend Mal stärker als sie. ‚Diese Nacht ist nicht unsere Nacht, Chérie.‘
Ich weiß nicht, ob irgendjemand sie vorher einmal Chérie genannt hatte. Ich sagte es einfach, weil ich den Klang dieses Wortes, dieser 2 Silben mag. Ché – rie. Viele Leuten nennen es kitschig. Aber wisst ihr, es passte zu dieser Nacht, die Nacht, in der die Königin zur Prinzessin wurde.
Sie kam mir nicht mehr wie eine Königin vor, sie hatte ihren Glanz in meinen Augen verloren. Ich sah nicht ihr Outfit, nicht die, die sie versuchte zu sein, sondern ein Mädchen, das einfach nur jemanden aus tiefstem Herzen lieben wollte. Jemanden, der sie hält, der sie schützt, der ihr Geborgenheit schenkt. Ob das vorher schon jemand in ihr gesehen hatte? Und dennoch, diese Erkenntnis ließ sie mich noch mehr lieben. Vielleicht war das gerade ein Satz, den ein Autor in einer Liebesgeschichte verwenden würde. Vielleicht ist dies hier ja sogar eine Liebesgeschichte? Sie sah mich nicht mehr an. Sie war verletzt. Ihre Mauern bestanden nicht aus Beton, sondern aus Papier. Sie ließ meine Hand los, schnell, als hätte sie sich verbrannt. Und sie ging. Ohne etwas zu sagen. In diesem Moment habe ich mir das erste Mal Sorgen um sie gemacht. ‚Chérie, stop.‘ Ich setzte ihr nach, lief ihr nach. 3 Schritte, ich weiß es noch ganz genau. ‚Es kommen noch genug Nächte für uns, Chérie. Der Winter ist kurz, doch lang genug.‘ Sie nickte leicht, sie war wieder ganz Königin, schnell war die Königin wieder da.
Warum ich euch von ihr erzähle? Weil ich euch zeigen will, das man das Innerste eines Menschen kennen muss, um ihn zu lieben, um ihn aus tiefstem Herzen zu lieben. Was wir hatten, war ein Winter. Ein eiskalter Winter. Ich denke stündlich an sie. Sie ging studieren, nach Oxford. Ich weiß nicht, ob sie immer noch als Königin durchs Leben geht und Herzen sammelt. Kleine, große, gebrochene, vernarbte, hasserfüllte. Manchmal schreibt sie noch. Für mich sind das Schönste, das Wertvollste, das größte Geschenk, was mir ein Mensch machen kann, die letzten 3 Wörter.  ‚In Liebe, Chérie.‘ Die wirklichen 3 Wörter, um die es in einer Liebesgeschichte geht, hat sie mir 27 Tage nach der lauwarmen Sommernacht auf die Haut gehaucht. Und sie gehen dort nicht mehr weg. Wer weiß, vielleicht sehe ich sie einmal wieder. Vielleicht lasse ich mich mitreißen. Vielleicht klingt auch so schön. 2 Silben. Viel – leicht.

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