Mina, die 2te.

von goldmaedel

26.08.2010, Hamburg, 09:11 Uhr. Donnerstag

Ich blinzelte. Die Sonne schien mir direkt in mein Gesicht. Auch deshalb liebte ich diesen Raum. Abends dunkel und geheimnisvoll, morgens hell und freundlich. Langsam stand ich auf. Um 11 hatte ich meine erste Vorlesung. —- bei Professor Lück. Noch Zeit genug um zu duschen, meine Haare zu bändigen und mir zum Frühstück ein großes Schokocrossaint beim Bäcker an der Ecke zu holen. Und um danach noch schnell bei Joe vorbeizuschauen. Er wird sich freuen. Ich ging meine Planung noch schnell im Kopf durch, kam so noch ein paar Minuten länger in den Genuss meines warmen Bettes und stand dann auf. Ich öffnete meinen Schrank, holte eine kurze Jeans und einen lässigen Pullover hinaus. Heute war mir nicht nach hohen Schuhen, nach dem Gefühl von Weiblichkeit und meiner eigenen Anziehungskraft gegenüber Männern. Ich kann es nicht verstehen, wenn Menschen sich unter die kalte Dusche stellen. Für mich ist meine Dusche ein Stück warmes zu Hause. Die letzten 10 Sekunden stelle ich das Wasser eiskalt um mich auf die Temperatur draußen vorzubereiten. Das Wasser läuft über mein Gesicht, meine Schultern, meine Brust, meinen Bauch. Tausende Tropfen, die sich bilden und wieder in der Menge verschwinden. Ich könnte stundenlang hier stehen und meine Gedanken ebenfalls fließen lassen. Doch stattdessen zog ich mich an, schminkte mich, ließ meine Haare offen und ging in den Flur um meine Tasche zu holen und schließlich die Wohnungstür hinter mir zu schließen.

Ich wohne im zweiten Stock eines großen Altbaues. Große Räume, große Fenster und nur Menschen unter 30. Nicht das ich Etwas gegen Ältere habe. Im Gegenteil, ich bewundere sie sogar. Viele haben schon so viel mitgemacht, von dem sie heute nur noch erzählen können. Und für manches kann man keine Wörter finden, die das Unbeschreibliche beschreiben. Ich könnte meinen Porsche nehmen, aber ich entschied mich anders. Die Haustür fiel hinter mir ins Schloss. Ein neuer Tag. Mit neuen Problemen. Mit neuem Glück. Mit neuen und alten Menschen. Und mit den Spuren von Gestern, die mein Leben noch durchzogen. Wie Spinnenfäden.

Sie sah heute verändert aus. Sie wirkte älter als gestern. Als ob sie in der Nacht gewachsen wäre. Sie strahlte eine Form von Schönheit aus, die ich nie begreifen würde. Ich würde ihr gerne die Haare aus dem Gesicht streichen dürfen. Und sehen, wie sie wegen mir lacht. Ich werde warten.

Als ich ein kleines Kind war, sagte meine Mutter mir immer, ich solle immer nur nach vorne schauen. Sie sagte mir, ich solle immer nur daran denken, dass es Menschen gibt, die mich brauchen und lieben.

Nachdem ich mir beim Bäcker ein Croissant gekauft hatte, ging ich langsam zur nächsten U-Bahn Station. Nächste Bahn in 2 Minuten. Endstation Uni. 09:55 Uhr. Ich hatte noch Zeit genug, bei Joe vorbeizuschauen. Er war das gewohnt. An manchen Tagen musste ich morgens sein Lächeln sehen, um den Tag zu überstehen. So auch heute. Das ich gestern Nacht eine ungestillte Sehnsucht danach hatte, etwas zu schreiben, es aber nicht konnte, machte mir fertig. Ich versuchte es zu verdrängen, in dem ich die Menschen musterte, die um mich herum standen und warteten. Ich bin ein Mensch, der sich gerne an einen Ort stellt und versucht die Menschen einzuschätzen. Man erkennt soviel, an der Kleidung, an den Bewegungen, es sind kleine Blitze des Charakters, die sich dort zeigen. Eine Frau, die ihr neben sich stehendes Kind unbewusst streichelt, während sie verloren in die Ferne schaut, ein Paar, sehr verliebt, ein älterer Mann mit grauen Bart, viele Lachfältchen, die er halb hinter der Tageszeitung versteckt. Als ich in die Bahn steige, habe ich das Gefühl, jemand ruft nach mir. Das Gefühl ist so stark, ich will sofort in die Richtung laufen, aus der diese Stimme kommt. Ich drehe mich um, die Tür geht zu und vor mir liegt ein leerer Bahnsteig. Mein Herz rast und ich will wissen, ob ich die Stimme meiner Mutter gehört habe. Doch ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Stimme, die ich gehört habe, weiblich oder männlich war. Schnell stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und drehe meine Musik laut. So laut, dass der Takt meinen Herzschlag kontrolliert. Vor mir rast eine scheinbar unendlich schwarze Wand vorbei. Meine Augen verschleiern sich und ich schließe sie. Die Musik durchdringt mich bis in die letzte Faser und ich spüre, wie die Bahn leicht ruckelt. Ich wünsche mich weit weg, auf einen Berggipfel, auf dem ich die Luft auf der Zunge schmecken kann.

Er sah den Anflug von Panik und Entsetzen auf ihrem feinen Gesicht. Doch schon in der nächsten Sekunde hatte sich sich unter Kontrolle. Er fragte sich, was hinter dieser Kontrolle steckte.

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