Kurzgeschichte

von goldmaedel

Eine kleine Kurzgeschichte; geschrieben in der Nacht und überarbeitet am Tag:

Sie ging den Flur entlang, immer noch wie im Traum. Das kann nicht wahr sein. Gerade eben hatte sie sich verabschiedet, sie hatte gesagt, sie würde nach Hause gehen und dann morgen wie verabredet wieder da sein.
Sie ging langsam, was normalerweise garnicht ihr Ding war. Normalerweise lief sie geradezu durch die Welt, eine Frau voller Energie, die alles bis in das kleinste Detail plante.
Doch heute war alles Anders. Wahrscheinlich hatte sie es schon geahnt, doch jetzt war die Gewissheit da. Wie konnte ihr so etwas passieren? Sollte sie es ihrer Familie erzählen? Ihrem Mann Jakob? Sie überlegte. Wenn ihr nur noch 3 Monate blieben, 3 Monate, um alles aufzuholen, was sie in den 22 Jahren noch nicht geschafft hatte, dann sollte sie sofort damit anfangen. Als sie klein war, wollte sie immer nach Afrika. Wieso also nicht heute? Als sie aus dem hohen, modernen Gebäude trat, schien die Sonne ihr ins Gesicht. War das nicht ein Zeichen, dafür das sie gleich jetzt in den Flieger steigen sollte? Jetzt sofort? Wieso nicht? Sie winkte ein Taxi heran, von der Idee gefesselt, endlich Kapstadts Strände zu sehen. ‚Zum Flughafen, bitte.‘, hörte sie sich sagen. Dort angekommen, ging sie zum Informationsschalter. ‚Wann geht der nächste Flug nach Kapstadt?‘ In einer Stunde also. Sie buchte, holte sich einen Caffee und eine Zeitschrift und setzte sich in die große Abfertigunghalle. Doch sie konnte nicht lesen. War es richtig was sie tat? Viel lieber schaute sie den Menschen zu, bis sie merkte, das ein Mann sie anstarrte. Blond, ziemlich groß, um die 30. Er lächelte ihr zu, sie lächelte zurück. Doch plötzlich schämte sie sich. Wie kam sie dazu, hier zu sitzen, kurz davor, dass Land zu verlassen und nicht einen Moment daran zu denken, IHM Bescheid zu sagen? Dem Mann, der sie schon 10 Jahre lang begleitete, der immer für sie da war und sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte. Sie tippte eine Sms. ‚Komme nicht mehr nach Haus.‘ Ihre Mittteilung wird gesendet. Eine Minute später kam die Antwort ‚Wenn du nicht da bist, habe ich kein zuhause mehr. Wo bist du?‘ Noch 20 Minuten bis zu ihrem Flug. Gleich werde ich für immer gehen, dachte sie. Und plötzlich bekam sie Panik. Sie konnte doch nicht alleine gehen. Sie konnte doch nicht ohne ihn gehen. ‚Komm zum Flughafen. Sofort.‘ Sie lief, buchte noch ein Ticket, bezahlte den dreifachen Preis, aber das war ihr, die sonst auf jeden Cent achtete, jetzt egal. Sie spürte, dass er gleich da ist, noch bevor er durch die große Drehtür gerannt kam. Er hatte seine Jacke im Arm, die Haare zerzaust, die Augen groß. Wollte ich wirklich ohne ihn gehen? schoß ihr durch den Kopf. Er sah sie sofort, zwischen all den Menschen. Sie bewegte sich schon zum Zoll. Er lief hinterher. Wo will sie hin? Er sah auf die große Informationstafel. ‚Kapstadt?‘, flüsterte er. Sie nickte nur. ‚Krebs?‘ Sie nickte wieder. Er fragte nicht ‚Wie lange noch?‘, sondern nahm sie in den Arm und zusammen gingen sie, einen einzigen Schatten bildend. Plötzlich durchschoß sie die Energie, sie drehte sich im Kreis wie ein kleines Kind. Erst jetzt begriff sie, dass sich manche Dinge einfach nicht planen lassen. Das unruhige Gefühl verschwand, obwohl sie nicht einmal wusste, wo sie heute Nacht schlafen würde. Er war doch da, was sollte schon passieren?

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